Seit zwölf Jahren gibt es die Rollstuhltanzgruppe Ostwürttemberg. Fußgänger und Rollstuhlfahrer tanzen hier gemeinsam. Ein Besuch im Training. Getanzt wird an einem Samstag im Monat in der „Neuen Tanzschule“ in Aalen.

 


Getanzt wird an einem Samstag im Monat in der „Neuen Tanzschule“ in Aalen. Fotos: Christian Thumm

 

Fünf, sechs, sieben, acht. Die Hände an die Räder! Rollis vor! Am Partner links abbiegen! Die Köpfe hoch! Und wir lächeln!“ Die letzte Ansage von Tanzlehrerin Sylvia Scheerer wäre eigentlich nicht nötig gewesen. Denn beim Training der Rollstuhltänzer wird nicht nur gelächelt, es wird gestrahlt. „Lollipop“ tönt aus den Lautsprechern. Vier Rollis und elf Fußgänger – die Bezeichnungen stammen von Sylvia Scheerer – bewegen sich durch den Saal. Die Fußgänger twisten, die Rollstuhlfahrer verlagern ihr Gewicht von links nach rechts und schwenken die Arme.

 

Die inklusive Tanzgruppe ist eine Initiative des Körperbehindertenvereins Ostwürttemberg. Und so kommen die 22 Mitglieder auch aus der ganzen Region. Ins Leben gerufen hat die Gruppe Familie Tretter aus Aalen. Den Verursacher nennt sich Oswald Tretter daher auch selbst mit einem Augenzwinkern. „Meine Frau und ich tanzen jede Woche Zumba und wir wollen, dass unser Sohn Timo auch in den Genuss kommt.“ Der 40-jährige Timo ist mehrfachbehindert. Selbst drehen oder vorwärtsbewegen kann er seinen Rollstuhl nicht, das übernehmen seine Eltern. 2007 war Oswald Tretter auf einer Reha-Messe in Düsseldorf und hörte zum ersten Mal vom Rollstuhltanz. Er war begeistert und wollte eine Gruppe in Aalen gründen. „Meine Frau hat gesagt, ich hätte einen Vogel und dass das nicht funktionieren wird. Aber jetzt gibt es uns bereits seit zwölf Jahren.“

 

Walzer, Salsa, Diskofox

Getanzt wird alles. Vom Wiener Walzer über Salsa, Diskofox bis zum irischen Rundtanz. Die Paare sind bunt gemischt. Rollstuhlfahrer tanzen mit Fußgängern. Fußgänger mit Fußgängern. Väter tanzen mit ihren Töchtern, Mütter mit ihren Söhnen. Alles ist erlaubt. Und egal welches Handicap, tanzen geht immer. „Selbst mit einem E-Rolli oder einem Rollator kann man tolle Sachen machen“, sagt Scheerer.

 

Und noch eine Besonderheit fällt gleich ins Auge: der hohe Männeranteil. „Wir sind vermutlich die einzige Tanzgruppe, in der die Anzahl von Männern und Frauen sich die Waage hält“, sagt Oswald Tretter.

 

„Tanzen ist Lebensfreude“

Spaß haben offensichtlich alle. Es wird geklatscht, gescherzt und viel gelacht. „Tanzen ist Lebensfreude“, sagt Sylvia Scheerer, die sich sämtliche Choreografien selbst ausdenkt. „Und es wirkt sich auf die gesamte Haltung und Körperspannung aus. Tanzen macht groß, offen und aufrecht. Auch wenn man im Rollstuhl sitzt.“

 

Seit 30 Jahren bringt Sylvia Scheerer bereits Tänzer mit und ohne Handícap zusammen und ist landesweit unterwegs. Für das Training in Aalen reist sie einmal pro Monat aus Ludwigsburg an. Der Grund ist einfach: „Es macht riesigen Spaß“, sagt Scheerer. „Das ist einfach meins. Und die Truppe hier ist so aktiv und bunt gemischt, es ist einfach toll.“

 

Und man trainiert nicht nur. Jedes Jahr hat die Gruppe einen Auftritt bei der Prunksitzung der Narrenzunft in Oberkochen. Im vergangenen Jahr wurde auf der Bundesgartenschau in Heilbronn ein Wiener Walzer aufs Parkett gelegt. „Wer nicht auftreten will, muss natürlich nicht. Das kann jeder selbst entscheiden“, sagt Scheerer. „Wir freuen uns jedenfalls immer über Besucher und natürlich über neue Tänzer. Wer reinschnuppern will, ist jederzeitwillkommen.“

 

Relativ frisch dabei ist Marion Englert. Aufgrund ihrer fortgeschrittenen Multiple Sklerose ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. „Die Diagnose habe ich 1990 erhalten. Das hat mich schon ziemlich in meiner Lebensqualität eingeschränkt“, sagt die 55-Jährige. Sie war immer sportlich und in der rhythmischen Sportgymnastik aktiv. Seit zwei Jahren tanzt sie nun wieder. „Ich habe die Gruppe im Internet gefunden, hab es einmal ausprobiert und bin geblieben. Es tut gut, unter netten Leuten zu sein und es macht Spaß, sich zur Musik zu bewegen. Auch im Rollstuhl kann man zu allem tanzen.“

 

Gesucht: Tanzpartnerin

Paul Kaufmann ist Leiter des Projektes, organisiert alles im Hintergrund, tanzt selbst mit seiner Tochter und hat zum Abschluss noch ein Anliegen: „Wir suchen dringend eine Tänzerin für unseren Andi. Er ist Mitte 50, sitzt im Rollstuhl und kann die Arme nicht bewegen. Seine Partnerin hat aufgehört und er ist darüber todunglücklich. Es wäre toll, wenn wir eine neue Tanzpartnerin für ihn finden würden. Sie muss nur Freude an Musik haben.“

 

Training und Auftritt

Die Rollstuhltanzgruppe Ostwürttemberg trainiert an einem Samstag im Monat in der „Neuen Tanzschule“ in Aalen. Für Mitglieder des Körperbehindertenvereins Ostwürttemberg ist die Teilnahme kostenlos. Das Projekt ist spendenfinanziert und der Verein ist immer auf der Suche nach Sponsoren. Am Samstag, 8. Februar, hat die Gruppe einen Auftritt bei der Prunksitzung der Narrenzunft in der Dreissentalhalle in Oberkochen. Die Gruppe freut sich über Besucher und weitere Tänzer. Weitere Infos und Termine gibt es unter Tel. 07361.89222, per E-Mail an info@kbvo.de und im Internet auf www.kbvo.de

 


Bereits seit zwölf Jahren gibt es die Rollstuhltanzgruppe Ostwürttemberg. Fußgänger und Rollstuhlfahrer tanzen hier gemeinsam. Ein Besuch im Training.

 

Christine Weinschenk, HZ